Samstag, 30. August 2014

40.Tag: Von Vidin nach Bechet

Vidin, so hat es Brüssel festgestellt, ist die ärmste Stadt der Europäischen Union. Das glaube ich sofort. Was den Vidiner und die Vindinerin nicht davon abhält,  Freitag Nacht Party zu machen. Das sei ihnen auch von Herzen gegönnt. Aber musste das ausgereichnet vor meinem Fenster sein? Das uzzn uzzn uzzn uzzn war noch heftiger als seinerzeit in Belgrad. Trotzdem wache ich früh auf. Die Mega-Tagestour beunruhigt mich doch. Schon 1/4 vor Acht bin ich auf der Piste. Inzwischen ist klar, ich muss über die neue "Europabrücke". Die liegt dummerweise aber flussaufwärts. Ich steuere die große Auffahrt an. Für Fahrradfahrer verboten. Doch dann sehe ich ein Schild "Fußgänger und Fahrradfahrer -Danub Bridge" das will ich sehen ob das klappt. Es geht erst einmal Richtung alten Fährhafen, dann keine Schilder mehr. In der Ferne sehe ich die Brücke. Also steuere ich dahin. Keine Schilder. Ich fahre unter der Auffahrt zur Brücke durch. Nehme all meinen Orientierungssinn zusammen und fahre jetzt wieder in Richtung Auffahrtsrampe. Irgendwann, jetzt bin ich schon über 10 km gefahren, sehe ich wieder ein Schild. Wäre ja noch schöner, wenn die EU schon an die 120 Mio in dieses Entwicklungsprojekt einer armen Region reinsteckt, dann hat sie mit Sicherheit auch auf einen Fußgänger/Fahrradweg bestanden:

Geschafft. Das Morgenlicht über der Donau ist märchenhaft. Ein Dom von Lichtstrahlen, durch den wolkenverhangenen Himmel. 

Die Europabrücke wurde von einem spanischen Konsortium gebaut. Heute, nach etwas mehr als 3 Jahren ist sie schon ziemlich renovierungsbedürftig.

Gestern habe ich gelesen, dass bei Vertragsabschluss vergessen worden ist, eine Klausel für Regressforderung bei Mängeln einzubauen. Jetzt bleiben vermutlich die beiden ärmsten Länder der EU auf den Reparaturarbeiten sitzen. Das Leben im Kapitalismus will gelernt sein!!!

Sehr schön und elegant, die Brücke, könnte von Calatrava sein. Kritiker meinten jedoch, die Brücke verbinde eigentlich nichts, bzw.die 120 Mio ""Regionalförderung" haben hauptsächlich das spanische Konsortium gefördert.
Ich dagegen bewundere die Eleganz der Auf- und Abfahrten und drehe in den verschiedenen Achten meine Runde. An Calafat, wohin ich eigentlich will, bin ich schon ein ganzes Stück vorbei geradelt, dann die Schleife. Bis ich schließlich zum eigentlichen Ausgangspunkt meiner heutigen Tour komme, habe ich schon gut 16 km in den Beinen. Das Schild in Calafat sagt: "95 km" bis Bechet. 
Na, dann man tou!
Schon nach den ersten Kilometern ist mir klar. Jetzt bin ich wirklich, ohne Witz, in der Walachei!
Und alle Klischees stürmen nur so auf mich ein.
Es gibt sie wirklich noch die,
Frauen-mit Kopftuch-Walachei, 
die Pferdefuhrwek- und Eselkarren-Walachei, 
die Schwarze-Witwen-auf  Bänken Walachei, 
die Opas-mit-Schiebermützen-Walachei, 
die Gänse-Schaf- und Ziegenhirten-Walachei, 
die Walachei des goldgelben Mais, 
die Walachei der von außen bemalten Kirchen, ...
Ich bin völlig geplättet.
Die nächsten 95 km wechseln sich lange Strecken durch Felder mit langen Strecken durch Dörfer ab. Die Straßendörfer sind kilometerlang.
Ich werde begrüßt, wie der Träger der "roten Laterne" bei der Tour de France. 
Jeder winkt, alle rufen "Chello", "Hallo", "Hola", "Ciao" oder heben wenigstens freundlich die Hand. Irgendjemand hat den Kindern beigebracht, dass man die seltsam gekleideten Radfahrer, mit den Gepäcktaschen, abklatschen muss. Kaum sehen sie mich kommen, stellen sie sich auf:

Strahlende gespannte Gesichter! Das Highlight des Tages. Die Alten lachen.
Es kommt auch vor, dass Jungs die Collage-Fahrräder haben,- aberwitzige Konstruktionen-,   mich zum Spontan-Sprint herausfordern, - muss ich leider ablehnen.
Andere begleiten mich und versuchen, meist auf Italienisch mit mir ins Gespräch zu kommen. Ich antworte auf Spanisch, das geht eigentlich ganz gut.
Dann wieder Felder. Komme ich aus den Ortschaften raus, merke ich, dass ein ordentlicher Wind bläst. Mal von 10:00 Uhr, mal von 1:00, ich beobachte die Windentwicklung mit einiger Besorgnis, längere  Gegenwindphasen könnten mich an meine Konditionsgrenzen bringen.
Dann kommt schon das nächste Dorf:
Samstag in der Walachei.
 Ein Samstag im August in der Walachei 
ist ein
Kaffee-am Markttag-trinken-Tag,
Ein Wasch-den-Teppich-auf der Straße-Tag,
Großwaschtag - an den Staketenzäunen flattert die Bettwäsche,
Heumahdtag,
Maiserntetag,
Sonnenblumenerntetag,
ein trinken-wir-uns-langsam-in-den-Sonntagtag,
ein noch-ein letzter Versuch-das-Moped-wieder-zum-Laufen-zu-bringen-Tag,
Hochzeitstag,

Die Hochzeit hat mich besonders beeindruckt. Gleich in Poiana Mare kommt mir ein Zug von Menschen entgegen.Sie gehen offensichtlich in Richtung Kirche. Die Männer schreiten feierlich, die Frauen schleppen große Schüsseln, gefüllt mit allerlei Gebäck. Nicht etwa unter Tüchern versteckt. Nein, es gehört ganz offensichtlich zum Brauch, zu zeigen, was man zum Fest betragen wird. Ich will mehr sehen. Halte an, und bestelle einen Kaffee (Espresso). Ich habe offensichtlich das Festlokal erwischt. Im Saal neben der Bar wird schon die Tafel gerichtet. Teller mit Hühnerteilen, Salaten usw. stehen schon bereit und immer wieder treffen Frauen ein, die eine Schüssel abstellen. 
Doch dann zieht sich das Ganze doch, was zu erwarten war. So ein Bund für das Leben, wird nicht in 5 Minuten geschlossen. Also weiter.
Wieder "Hello, Ola, Ciao..." jetzt kommen mir Dutzende von  heubelandenen Pferdefuhrwerken entgegen.



Dann komme ich an riesigen gemähten Flächen vorbei. Überall stehen Einspänner und werden beladen.


Ich bin auf Zeitreise.
Später kommen die Wagen mit Mais beladen. Einen so goldgelben Mais habe ich überhaupt noch nie gesehen.
Die Sonnenblumenfelder werden mit Erntemaschinen geerntet. Die Afterlese betreiben Abertausende von Vögeln, die  immer mal wieder aus den Stoppelfeldern aufsteigen, aberwitzige Flugmanöver vorführen, um sich dann wieder auf dem Feld nieder zu lassen. 
Mit der Zeit bekomme ich ein Gespür dafür, dass sich die Dörfer unterscheiden. Je nachdem wie hoch der Anteil der Roma in den Dörfern, ist die Grundstimmung anders. In überwiegend von Rom bewohnten Dörfern geht es lauter zu, aus den Häusern hämmern Balkanbeats. Die Begrüßungen fallen lauter und offensiver aus, ich werde häufiger begleitet und ausgefragt. 
Und auch hier werden alle Klischees bedient. Frauen mit Kopftuch, langen Röcken und Ketten mit Goldmünzen um den Hals- nach dem Motto: "Der sicherste Ort für meine Ersparnisse ist der der Hals meiner Frau!"
Diverse Donaureiseblogs lassen sich ja gerne über bettelnde Kinder aus. Ich habe heute nicht ein einziges erlebt. - Na ja, ein Junge macht mal eine Geste mit Daumen und Zeigefinger, die ich aber dahingehend interpretiere, dass er sehr zufrieden ist, mit dem, was er in seiner Nase gefunden hat. Ich lobe ihn, indem ich den Daumen nach oben zeige. Eine Rom auf einem Eselkarren frägt nach einer Zigarette- das war es aber auch schon!
Es ist ein unglaubliches Kaleidoskop von Eindrücken, die im Laufe des Tages auf mich einstürzten. Zur Mittagspause hätte ich mich am Liebsten ein Stündchen zu den Schafen un Ziegen gelegt.

Aber zu dem Zeitpunkt sind es noch über 40 km und- wie wird sich der Wind entscheiden!!??
Ich mümmle mein Vesperbrot und meditiere mit den Ziegen.
Und weiter geht es.
Bei Bistret fängt die "feuchte Walachei" an, Seen, Schilflandschaften. Störche, Reiher, Kraniche, Kibitze, Rallen, was weiß ich, was da noch alles rumflog.

Man kann Eindrücke und Landschaften nicht mit einander vergleichen. Das "Eiserne Tor" war gewaltig. Mein Tag heute, in der Walachei, hat mich aber genau so beeindruckt, obwohl er völlig anders war.
Ich hatte noch nie so sehr das Gefühl, durch die Leben von einigen Hundert Menschen geradelt zu sein, Leben, die sich von meinem so extrem unterscheiden, dass ich nicht ansatzweise in der Lage bin zu verstehen, wie ein Menschenleben in der Walachei verläuft, - und doch bin ich heute vielen Menschen begegnet, wir haben uns angelächelt und zugewunken. Das war schön!
Es ist kurz vor 16:00 als ich in Bechet eintreffe. Die netten Leute von der "Casa Verde" haben gute Ausschilderungsarbeit geleistet. 
Wie der Name vermuten ließ, spricht die Besitzerin sehr gut Spanisch, sie hat einige Jahre in einem Restaurant in Madrid gearbeitet. Wenn sie sich die "Casa Verde" von dem dort verdienten Geld gebaut 
haben, dann haben sie gewaltig geschuftet und sehr sparsam gelebt. Die Pension ist sehr nett - und hat sogar einen Swimmingpool.
Als krönenden Abschluss, bin ich dann nach 119 km tatsächlich, zuerst in die Badehose und dann in den Pool gehüpft. 

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