27. Tag von Bilje nach Vukovar
Ein weiterer Bilderbuch Sonntag. Bilderbuch Landschaft, Bilderbuch Wetter,
der Windhund ist zufrieden:
Es wird ein sehr kontrastreicher Sonntag werden. Die wunderschöne Auenlandschaft des Nationalparks Kopacki rit. Angeblich eines der größten Laichgebiete Europas, wer und was auch immer hierher zum Laichen kommt,
der fantastische "Simpsons"-Himmel den ganzen Tag,
Die netten Begegnungen, die ich heute hatte
- und gleichzeitig entkomme ich auf diesem Streckenabschnitt, der jüngsten Vergangenheit dieses Landes nicht. Es fängt schon mit der "netten" Pensionswirtin an, die vor 40 Jahren mit 14, nach Deutschland ging, jahrelang am Rande des Schwarzwaldes ein jugoslawisches Restaurant hatte, und die von Deutschland, als ihrer heimlichen Heimat schwärmt. Doch dann im Gespräch, wir unterhalten uns über meine weiteren Pläne, fällt der Satz. "Hier, in Kroatien, alles kein Problem, wir sind hier nicht so...."
sie zögert kurz, sucht nach dem rechten Wort.." nicht so durchmischt wie in..." sie sucht wieder nach dem rechten Wort..."wie in Frankreich!" - Das war der erste Schlag vor den Kopf. - "Ethnische Säuberungen" - wurden nicht nur auf serbischer Seite gut geheißen. Vor allem, nichts ist vergangen, und wahrscheinlich noch nicht einmal vorbei!! Viele Gedanken gehen mir durch den Kopf als ich in den Bilderbuch Sonntag starte.
Bilje ist nur 5 km von Osijek entfernt, so dauert es nicht lange, dass ich auf die beeindruckende Festung
Tvrđa stoße. Ich habe mir vorgenommen heute wieder einen Kultursonntag einzulegen.
Die Festung spielte eine wichtige Rolle in den Zeiten der Türkenkriege, mal war sie Teil des osmanischen Reiches, Suleyman der Prächtige baute sie wieder auf, nachdem sie wieder mal bei einer Belagerung zerstört worden war, dann wurde sie den Türken wieder abgenommen und zu einer barocken Festungsstadt umgebaut, Prinz Eugen - und Alle:"der Edle Ritter!" hat hier natürlich auch mitgemischt. Er notierte in sein Kriegstagebuch:
„Man hat die Stadt völlig niedergebrannt und auch die ganze Umgebung.
Unsere Trupps, die den Feind verfolgten, haben Beute eingebracht, und
auch Frauen und Kinder […].“- So viel zum Edlen Ritter!!
An diesem Morgen, ist die Altstadt von Osijek ein verschlafenes Museumsdorf, nur aus den Kirchen hört man Gesang, es leben also auch Menschen hier. Die Straßen der Altstadt deuten allerdings auch an, dass hier der "Ossijek Summer" (steht auf den Plakaten) abgeht. Das Kopfsteinpflaster ist übersät mit Glas von zerschlagenen Bierflaschen. Muss wohl zur Folklore des Osijek Sommers gehören, leere Flaschen auf den Boden zu werfen. Ich steige lieber ab und bin froh, dass mein Rad heil aus "dieser Stadt rauskommt".
Bei der Weiterfahrt komme ich wieder durch eine Reihe von "Heimatdörfern" von Kriegsflüchtlingen. Auch hier kann man darauf wetten, das vor den Häusern, die am schönsten wieder hergerichtet sind, Autos mit ausländischen Nummernschildern stehen. Mir fällt auf, dass sich von Dorf zu Dorf, die Herkunft der Autos ändert. In einem Ort sind es fast ausschließlich Autos mit GB in einem anderen mit D und heute auch häufig F. Bei dem ein oder anderen wieder hergestellten "Elternhaus" ist den Heimkehrern, aus dem Bedürfnis heraus, den Dorfbewohnern zu imponieren, der Gute-Schmacks-Gaul gewaltig durchgegangen. Bonzai-Feudalismus mit Auffahrten und Säulen, in Bonbon Rosa oder Cremegrün!! Ich habe mich nicht getraut Fotos zu machen, da die Bewohner über dem Eingangsportal auf dem Balkon saßen.
Je näher ich der Stadt Vukovar komme, desto bedrückender die Eindrücke. Immer häufiger stehen, in den Vororten zwischen den bewohnten Häusern Ruinen von Gebäuden, die ganz offensichtlich zerbombt wurden.
Heute bekomme ich eine beklemmende Nachhilfe-Lektion in Sachen Geschichte der jüngsten Vergangenheit. Ende 1991 waren wir in Kolumbien. Ich erinnere mich noch gut, dass wir in Turbo, als wir auf ein Boot warteten, im Fernsehen Bilder von den brennenden Ölfeldern von Kuweit sahen und wir mit den Leuten dort über Entfernungen in Europa diskutierten und ob das für "Deutschland gefährlich" sei. Was sich "hinter" diesen Bildern auf dem Balkan abspielte, habe ich natürlich auch wahrgenommen, aber offensichtlich nicht so intensiv.
Heute sehe ich die vielfältigen Spuren einer unglaublichen Katastrophe. Der Spiegel schrieb damals:
"Kriegserfahrenen Journalisten, die Vukovar vorigen Donnerstag besichtigen konnten, drängen sich beklemmende Vergleiche auf. Selbst Beirut habe nach 15 Jahren Krieg nicht so entsetzlich ausgesehen, sagt einer. Vukovar übertreffe alles, was er an Zerstörung und Elend erwartet habe, sagt der Uno-Beauftragte Cyrus Vance."
"Spuren" klingt verharmlosend, das entsetzliche Gemetzel ist allgegenwärtig, das von serbischer Seite als die Befreiung der Stadt von kroatischen Milizen bezeichnet wurde. Die Stadt war eine einzige Totenstadt, das sieht man ihr heute noch an. Es ist makaber, wie "grün"
Vieles wurde wieder auf- oder neu gebaut. Diese modernen Einsprengsel wirken jedoch fast befremdlich.
Die Suche nach meiner Unterkunft gestaltet sich heute etwas schwieriger. Es ist eine kleine Pension im Wohngebiet um den "Wasserturm", sie ist ganz neu, und dementsprechend kennt sie fast niemand. 2 Polizisten schicken mich in die richtige Richtung. Ein "Heimkehrer"- "dies meine Stadt"- schickt mich zurück ins Zentrum. Eine junge Dame wieder hinaus. Am Wasserturm treffe ich meine Retter. Ein kleiner Mini-Markt hat auf. Ein junger Mann der hier etwas trinkt, will mich wieder in die Stadt schicken. Ich wehre mich, der Mini-Markt Besitzer: "Ich schaue Internet!" Und siehe da, ich bin tatsächlich in der Nähe, aber selbst die unmittelbaren Nachbarn, hatten von der Pension noch nie gehört. Aber super hilfsbereit!!
Die Anhöhe um den Wasserturm muss besonders heftig umkämpft gewesen sein. Der Wasserturm selbst ist heute ein beeindruckendes "Anti-Kriegs-Denkmal" hoffentlich lassen sie ihn genau so stehen!!!!
Nicht minder heftig ist die Straße, in der die Pension liegt. Jedes 2.Haus ist noch zerstört.Dazwischen, so schöne Häuser wie meine Pension.
Die Pensionsbetreiber, ein junges Paar, sie spricht super gut Englisch ("nur in der Schule gelernt"), haben sich sehr viel Mühe gegeben. Das ganze Haus ist eine Galerie, ein befreundeter Maler hat für jedes Zimmer 2 Bilder gemalt. Die sind wirklich gut. Das ist keine Hotel-Deko, sondern hochwertige Malerei!! Ich darf mir alle Zimmer ansehen. Ich bin beeindruckt.
Von meinem Fenster kann ich durch die Bäume sogar die Donau sehen!
Zum Schluss noch etwas weniger problematisches. Die letzten Tage habe ich immer wieder neue Etymologische Studien betreiben könne. Wenn man Pekara laut auspricht, dann ist das von "Bäckerei" gar nicht so weit entfernt, oder?- Na ja, da spielt vielleicht die viele Sonne ein wenig mit! Aber das Wort für Bäckerei und Bäcker lässt sich nicht unbedingt von backen ableiten ( (serbisch: krah und kroatisch peci oder doch?) Was der Frizer ist, muss nicht erklärt werden. Nachdem ich seit Tagen einen suche sind hier in einer Straße gleich 3. Aber leider geschlossen.
Die allerschönste Variante von Sprachpingpong habe ich heute auf diesem Plakat entdeckt:
Sprich`s laut aus, wenn du ein Schwabe bist!! Ich wusste es, noch ehe ich sah, was auf dem Tisch zum Verkauf war!! Ich wusste es sofort! Ist das nicht der Hammer? Nur wie hat das funktioniert?
Haben die Donauschwaben, die Kartoffel erst mit hierher gebracht? Und damit den Namen? Witzig, dass die eine Pflanze die Donau hinunter gewandert sein könnte und mit ihr der Name. Eine andere Pflanze, ebenfalls aus Südamerika, wanderte offensichtlich die Donau hinauf, und damit der Name Kukuruz, was sicher die türkische Bezeichnung ist.
Für Nicht-Schwaben sollte ich vielleicht noch erwähnen, dass Kartoffeln bei uns "Krombiera" sind (über die lautliche Repräsentation von Dialektausdrücken lässt sich natürlich streiten!)
- Nebenbei, gestern hatte ich gesagt, in den Vorratshäusern würde der Mais aufgehängt, stimmt nicht. Heute habe ich das erste gefüllte Häuschen gesehen.Wird einfach reingeschmissen, bis sie voll sind.
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