Donnerstag, 21. August 2014

31. Tag: Von Нови Бановци nach Београд

Von allen "Einfahrten" in eine Großstadt, die ich bisher kennen gelernt habe, war dies die gemeinste. Viele Kilometer keine Alternative zu einer viel befahrenen engen Straße. Anscheinend kommen heute Morgen alle zu irgendetwas zu spät, haben es eilig, sind aggressiv und ungeduldig. Stress pur!
Kurz vor dem historischen Vorort Zemun, so etwas ähnliches wie ein Weg am Rande der Straße. 

Besser als auf der Straße! Aber so richtig komme ich auf diesem Weg auch nicht vorwärts. Dann versuche ich, ob es parallele Straßen in den Industriegebieten gibt, keine Chance, nach 500 m muss ich zurück auf die stark befahrene Straße.
Doch irgendwann ist es geschafft. In Zemun finde ich zur Donau, - und genehmige mir erst einmal einen Kaffee. 

Langsam komme ich wieder"runter"! Vor mir die "Skyline" von Belgrad, hinter mir die Altstadt von Zemun. Einst römische Siedlung, dann Grenzort zum Osmanischen Reich. Semlin hieß sie auch einmal. Ich tue mich schwer, mit den "deutsch/österreichischen" Bezeichnungen. Natürlich, hatten fast alle Städte, die zur K.u.K.Monarichie gehörten, auch deutsche Namen. Aber das ist teil einer kolonialen Vergangenheit, so charmant uns dieser Zwirbelbart-"Habediehre-Operetten-Piroscka-Balkan auch verkauft  und im kollektiven Gedächtnis eingraviert wurde, - Sissi mag bis Gödöllö gekommen sein. Von Semun aus fand der erste Angriff des 1.Weltkrieges statt - auf Belgrad!
Belgrad ist auch so ein Ort, an dem man unweigerlich im Schnellwaschgang durch die Geschichte geschleudert wird.
Mein heutiges Hotel "Jugoslawija" - superschön an der Donau gelegen- mit Blick auf  Belgrad - ist ein sozialistischer Riesenbunker aus den 60er Jahren. Einst wahrscheinlich der Inbegriff des Fortschritts und hier in Jugoslawien, Vorzeigeobjekt des "3.Weges", in Novo-Belgrad gelegen, dort wo das größte Kongresszentrum ganz Südosteuropas der Welt zeigen sollte, - dass nicht allein die Sowjetunion, das Modell einer besseren Zukunft sei. 
Heute ist dieses Riesenhotel ein wenig gruselig. Auch wenn es wirklich ganz ordentlich renoviert worden ist. Aber die endlosen Gänge mit den braunen Aluminiumtüren auf beiden Seiten - ich glaube, auf meinem Stockwerk allein mehr als 50 Zimmer,- sind aus einer anderen - sehr fernen Zeit! Man kann sie, die Ehrengäste der sozialistischen Brudervölker noch immer  Slibowitz beseelt die Gänge entlang torkeln hören - ich schwör!!
Das Kongresszentrum ist übrigens heute das Kasino von Belgrad - darauf einen Slibowitz, Nastrovje!

Nachdem ich meine ersten 2 Punkte, der "to-do-Liste" erledigt habe. Geht es auf eine erste Stadterkundung.
Am Vormittag hatte ich die Vermutung, dass man in Belgrad die Erfindung des Fahrrades nicht mitbekommen hat. Aber auf einmal gibt es tatsächlich Fahrradwege! Und zwar ganz ordentliche! Und! Nach der Savebrücke, sogar einen Fahrradaufzug, der den Radler nach unten  zum nächsten Uferradweg bringt.
Super! - Na ja, eigentlich geht die Straße über die Brücke direkt ins Zentrum, Belgrad liegt auf einem Bergrücken. Für die Radfahrer ist diese Straße aber nicht passierbar - wieder einmal. Der Radweg führt 5 km um die Altstadt herum! Auf der anderen Seite, kommt ein Radfahrer Hinweis, Zentrum rechts. Doch diese Straße ist mit Betonbarrikaden versperrt. Ich drücke mich dran vorbei und finde dann irgendwie einen Weg hinauf.
Im Zentrum von Belgrad geht der historische Schnellwaschgang in das Schleuderprogramm über. Warum Belgrad übersetzt die "Weiße Stadt" heißt, bleibt ein große Rätsel. Schöne alte Bausubstanz rottet. Hässlicher Sozialistischer Zuckerbäckerstil rottet. Glasfassaden der Einkaufstempel verdoppeln in ihren Spiegelfassaden das ganze Elend. Die Fussgängerpassage ist schön hergerichtet. Aber sie ist ein Schneise, die man nicht verlassen darf. 
Gibt es eigentlich in Europa noch eine Hauptstadt, die in einem Jahrhundert 2x unter Zerstörung durch Luftangriffe zu leiden hatte. Mir fällt im Moment keine ein. Was die Nazis vorgemacht haben, das hat die NATO mit ihrer "Allied Harvest" tölpelhaft wiederholt. Was bitte schön, wurde hier "geerntet".

Es tut richtig weh, zu sehen, wie planlos und ohne städtebauliches Konzept hier rumgewurschelt wird. Natürlich ist kein Geld da. Aber muss man deshalb irgendwelchen Spielbankbetreiben, erlauben, Scheußlichkeiten in die Altstadt zu klatschen?
Die größte Orthodox Kirche der Welt, so mein netter junger Mann an der Rezeption des Hotels, der sich ehrlich Mühe gegeben hat seine Heimatstadt anzupreisen, passt in das Bild der Dauerbaustelle Belgrad. 1898 begonnen, ist sie leider heute immer noch nicht fertig. Aber man ahnt, wie gewaltig sie einmal sein wird.

Doch leider sind die Ikonen, die zur Verehrung auf dieser Baustelle ausgelegt sind, wie sage ich das jetzt unverfänglich, von sehr zweifelhafter Qualität. Doch sie stehen ja nur für etwas, an das man glaubt;
 Wie unsere Heiligenbildchen, die wir im Kommunionunterricht gesammelt haben.

Genug!
Meinen letzten Briefumschlag habe ich aufgegeben. Das letzte "Bikeline" Buch herausgeholt. Ich schaue auf den Umschlag, das kann doch wohl nicht wahr sein:


Wenn Ihr gute Augen habt, könnte Ihr es vielleicht erkennen, am unteren Rand steht! 1.400 km. Das ist wohl ein Scherz! Die ganze Donau ist nur 2.800 km lang. und auf meine Karte Eurovelo 6 Karte Nr.3 (von 8) steht, dass vor meinem Hotel der Donau Kilometer 1170 liegt. 
Soll das heißen, dass ich erst die Hälfte geschafft habe!!  
Mich überkommt das starke Bedürfnis, mit meinen sozialistischen Flur-Gespenstern in die Hotelbar zu gehen, ein paar Slibowitz zu bestellen und mit ihnen  "Bella Ciao" zu singen!!!


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