4.Tag: Von Dillingen nach Neuburg
Frühstart! Vor meinem Zimmer im Dillinger Hof, ist eine Terrasse. Die Terrasse ist die Frühstücksterrasse für Raucher. Um 6:30 muss sich eine Busladung nicht Frühstücker oder Frühraucher vor meinem Fenster versammelt haben, die sich ausführlich über schädlichen Folgen der berufsbedingten Abwesenheit von Heim und Familie auf die Beziehung ausließen. Sehr interessant und lehrreich, aber so früh wollte ich eigentlich nicht mit den traurigen Tatsachen des Lebens konfrontiert werden.
Gut daran war, dass ich schon um 8:15 auf der Straße war. Die Sonne schien, die Luft war kühl. Radlerglück pur.
Und nun muss ich ein Geständnis machen: Ich liebe Asphalt!!
Nachdem ich gestern einen wunderbaren Tag mit Libellen und Goldammern verbracht habe und ich den festen Entschluss gefasst habe. Eurovelo- Deutsche Donau, - romantische Radlerstraße und ähnliche Leitsysteme vorerst zu ignorieren, bin ich heute Morgen, 20km auf einem schnurgeraden Radweg, neben der Bundesstraße 16 nach Donauwörth gedüst. Kein Gegenwind, kaum Steigungen. Und auf einmal kommt man wieder voran.
Außerdem hat es auch etwas, durch die menschlichen Biotope fremder Völker zu radeln. Es gibt so viel zu bestaunen und zu bewundern. Und der alte Volkskundler in mir erwachte wieder. Am liebsten hätte ich eine Studie über die Vorgartenmöblierung in dieser Kultur begonnen. Meine erste These: Dem schwäbischen Donau-Bayer liegt die Arbeitswelt seiner Vorfahren noch immer am Herzen. Milchkannen als Blumenkübel, Waschzuber als Blumenkübel, Schubkarren als Blumenkübel, Heizkessel als Blumenkübel und auch Zinkwannen als Blumenkübel, dazwischen technisches Gerät der Bodenbearbeitung, Pflüge vor allem liebevoll drapiert. Vermutlich verschafft es dem Donaubayern Befriedigung, wenn er auf seiner Gartenbank sitzt seinen Garten sieht und sich freut, dass er nicht mehr so rackern muss.
Daneben haben aber auch schon moderne Gartenzwerge Einzug gehalten. Besonders beliebt in dieser Region sind, Türme aus bunten Keramikkugeln auf einen Stab aufgefädelt, in jeder Größe und dann natürlich die sattsam bekannten witzigen Interpretationen von Wurzeln. ich war in einem ständigen Zwiespalt; es lief halt so gut auf dem Radel, aber eigentlich hätte ich jeden 2. Garten fotografieren müssen, aber wer weiß...
Das allerhäufigste Gartenmöbel aber ist derzeit das Trampolin. Nachdem sich herausgestellt hat, dass unsere kleinen ADHSler ihre Vokabeln besonders gut beim Hüpfen lernen, gibt es kaum noch einen Garten ohne (ob diese Studien vom Bundesverband der deutschen Trampolinhersteller in Auftrag gegeben wurden?).
Dann werde ich aus meinen Überlegungen gerissen. Auf dem Radweg kommt mir ein Trupp Bundeswehrsoldaten entgegen, die mit schwerem Gepäck von A nach B marschieren. Was mir auffällt, inzwischen hat auch jeder Soldat in der Vorwärtsbewegung eine Wasserflasche in der Hand, wie wir das ja vor allem von Joggern und Walkern kennen. Müssen wir uns jetzt Gedanken über den Zustand der Verteidigungsbereitschaft in unserer Republik machen? Oder gibt es jetzt schon einen genormten Befehl, wenn Gefahr droht ruft der Feldwebel zuerst: "Diiie Flaschen weg!"
Zwar habe ich nur wenige Menschen in den Dörfern getroffen, meist waren es ältere Damen, die ich natürlich freundlich grüßte. Den Gesichtsausdruck den ich zur Antwort erhielt, werde ich nicht so schnell vergessen. Fast alle verzogen schmerzverzerrt den Mund, was man mit viel gutem Willen auch als Lächeln deuten konnte, und was ohne Zweifel bedeutete: "Wann du wüßtest wias mia geht, dann würdest du nicht so scheißfreundlich daheredn!" Die Donaubayrische Frau jenseits der 60 hat mein aufrichtiges Mitleid.
So gelangte ich, mir nichts dir nichts, nach Donauwörth, einer Stadt, die hauptsächlich als Garnisonsstadt und Standort von Airbus bekannt ist. Die Altstadt muss ziemlich zerstört gewesen sein. Die neue Altstadt ist schön geworden, aber wirkt sehr steril.
Nach Donauwörth geriet ich kurzfristig auf wieder auf den Donaufernradweg und musste es bitter büßen, wieder ging es rauf und runter, und zwar richtig. Auf einem der Berge traf ich ein radelndes Ehepaar aus Karlsruhe, die Frau völlig entnervt über die Unverschämtheit der "Leute vom 'ADF" schimpfte, und ich über die korrupten Radplaner von D 6 etc. Und so saßen wir in unserem Zorn friedlich vereint auf einem Bänkchen, schnappten nach Luft und schauten hinab auf die wunderschöne Auenlandschaft entlang der Donau.
Doch dann wurde doch noch alles gut. Ich hatte meine Mittagspause dazu genutzt, die Karte genau zu studieren - und dazu auch die Brille aufgesetzt und auf einmal entdeckte ich ein Netz von gaanz dünnen grauen Linien - Wege!! Auch wieder der Donau entlang.
Für den Rest der Strecke bis Neuburg war es mir eine große Freude immer wieder von der ausgeschilderten Route abzuweichen und der Donau entlang zu fahre, um dann kurz wieder auf die beschilderten Routen zu stoßen. Dabei traf ich 3x ein junges sehr sportliches Paar aus Holland. Sie überholten mich zügig auf der Donauradroute, ich bog ab, sie blieben drauf. Nach einigen Kilometern, als ich wieder auf einem Flachstück der Route fuhr, kamen sie von hinten angebraust. Ich grüßte freundlich. Ich glaube das 3. Mal, da sass ich schon in einem Cafe in Neuburg, müssen sie sich vorgekommen sein, wie im Märchen vom Hasen und dem Igel. Das Gemeine war wirklich, das letzte Stück führte der "Radweg" geradeaus" einen Kreuzweg zu einer Wallfahrtskirche hoch, da hatte ich die Holländers ihr Rad schieben sehen!
Ja und nun bin ich im schönen Neuburg und habe eben noch den Auftakt zum hiesigen Schützenfest erleben dürfen, ich bin wirklich ein Glückspilz!
Zum Schluss noch eine kleine Stilblüte von Begriffen und Wörtern, die ich heute so im Laufe des Tages entdeckt habe, und die mich das ein- ums andere Mal in Verwunderung versetzt haben.
So kam ich heute an einem Geschäft vorbei, das "Verteidigungsgeräte" verkauft hat. Im Schaufenster lagen eigentlich Knarren von beachtlichem Kaliber herum. Dann kann ich an einem Laden vorbei, der "geprüfte Leckerbissen" anbot, er hatte leider noch zu. Dass der Donaubayrischschwabe noch immer "Fremdenzimmer" anbietet ist vermutlich eher ehrlich.Und dann komme ich durch eine Gegend, durch die wohl neue Starkstromleitungen geplant sind. Neben den "Verteidigungsgeräten" stehen jetzt Schilder, die von "Mördertrassen" sprechen - man darf gespannt sein!!!!
Was mir allerdings ein großes Rätsel blieb, war das Schild "Fahrzeuge zur Flussunterhaltung frei" - Wie unterhält man einen Fluss? Durch Beschallung mit Technobeats, durch Durchführung gewagter Liebesspiele auf dem Rücksitz? Und überhaupt, müssen die die nicht unterhalten etwas zahlen? Und wenn ja wie viel? Für Aufklärung wäre ich dankbar!
Ach ja, eben auf dem Fest bekam ich die Antwort auf eine Frage, die ich nicht zu stellen gewagt hätte. Ein Mensch in Tracht, er hatte eine wunderschöne Gänsefeder(?) am Hut und reichlich bestickte lederne Kniebundhosen mit roten Strümpfen an, erzählte seinem Tischnachbarn: "Ja, scho, i hob mia au a mohl a jeans gkauft, mei da wor i 17-18" Darauf hin starrte er wieder in sein Bierglas und verfiel in Schweigen. Schade, dass ich meinen Abend schon anderweitig verplant hatte, ich hätte zu gern mehr aus seinem Leben erfahren.
Und noch eine Frage hätte ich! Warum sind viele Bayern eigentlich gegen Minarette?
Bis Morgen!
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